
Trystan Pütter und Sonja Gerhardt in »Ku'damm 63«: Mersey Beat und Hakenkreuz-Gekritzel
Foto: Boris Laewen / ZDFRock'n'Roll im Selbstversuch: Die Tanzschulbesitzerin und strenge Mutter von drei Töchtern Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) flippt zu den Beatles aus. Nachdem sie von einem Bus angefahren worden war, hatten die Ärzte sie notdürftig zusammengeflickt und ein Stützkorsett verordnet, doch aufgepeitscht von einem Kräutersaft namens »Frauengeist« und »Twist & Shout« springt und sprintet sie nun durch ihre Wohnung. Shake it up, Frau Schöllack. Am Ende kollabiert die Rock'n'Roll-Anfängerin und muss ins Krankenhaus zurückgeschafft werden.
Aufbruch, Zusammenbruch, Aufbruch, Zusammenbruch – in diesem Rhythmus geht es bei dem ZDF-Nachkriegsepos »Ku'damm« nun schon in die dritte Staffel. »Jede Trauerzeit muss mal ein Ende haben«, sagt die Tanzschulen-Generalin Schöllack einmal mit ihrem Teflon-Lächeln, nachdem sehr kurz zuvor ein Mensch aus dem näheren Familienumfeld gestorben ist.
Schöllack-Tochter Eva (Emilia Schüle): Erst Opfer von gestrigen Männern, dann Galeristin für moderne Kunst
Foto: Frederic Batier / ZDFVerdrängen ist in »Ku'damm« die edelste Aufgabe, doch hinter jeder Party lauert der nächste Kollaps. Die Serie funktioniert wie das bunte, vollgestellte Schaufenster einer Ära, im Verborgenen indes tun sich Ambivalenzen, Abgründe und Geschichtsablagerungen auf. Egal ob 1956, 1959 oder 1963 ist. Die Moden werden abgeräumt, die Kräfte der Verdrängung bleiben intakt.
Marlene Dietrich will zum Grand Prix
Eine der Schöllack-Töchter (Emilia Schüle) betreibt eine Galerie; Beatniks räsonieren hier über Fluxus, Cage und Beuys. Das Geld für das freigeistige Avantgarde-Geplänkel stammt jedoch vom Gatten der jungen Frau, der sie als Ehemann und Psychiater zuvor misshandelt hat. Erst Opfer einer repressiven Gesellschaft, dann Vorreiterin für moderne Kunst – so schnell geht das in »Ku'damm«.
Eine andere Schöllack-Tochter (Sonja Gerhardt) probiert sich als Songwriterin und schreibt einer alten, aus den USA remigrierten Diva einen Beitrag zum Grand Prix Eurovision in Kopenhagen, der dort 1964 tatsächlich stattgefunden hat. Die Diva ist an Marlene Dietrich angelehnt, die Anfang der Sechzigerjahre nach Westdeutschland zurückgekommen war und mit ihrem Film »Das Urteil von Nürnberg« die damals geschichtsvergessenen Deutschen mit deren eigener Vergangenheit konfrontierte. Am Grand Prix hat Dietrich aber nie teilgenommen.
Im Beatklub, den der jüdische Freund einer Schöllack-Schwester (Trystan Pütter) betreibt, schwärmt man von Mersey Beat und Swinging London und spielt den Twist mit angemessen süffigem Tremolo. Auch ein paar Nazis tanzen und saufen mit, doch später kommen sie zurück, um ihre Hakenkreuze auf den Tanzboden zu schmieren. Beatlemania und Antisemitismus, das steht hier grausam nebeneinander.
Was war und was hätte sein können: Das Team hinter der »Ku'damm«-Trilogie hat schon früh eine Art Extrahierung von Zeitgeschichte im Stile der Serien betrieben, die auf US-Streamingdiensten wie Netflix laufen, etwa die kontrafaktische Filmbetriebsfantasie »Hollywood«. Es wird detailsatt die damalige Zeit nachgestellt – aber aus einem heutigen Bewusstsein. So wird in »Ku'damm« das historische Setting genutzt für Themen wie Patchwork-Familien, weibliche Selbstermächtigung oder schwule Selbstfindung.
Repressionen einer Wohlstandsgesellschaft
Ein riskanter Balance-Akt: Wie weit lässt sich das historische Setting mit aktuellem Lebensgefühl aufladen? Dass das bei »Ku'damm 63« über weite Strecken gut funktioniert, hat auch damit zu tun, dass der popkulturelle Zeitkontext so konkret und konzise ausgebreitet wird. Stark die Szene, in der Frau Schöllack von ihren Kindern mit einem Fernsehgerät gegen die Einsamkeit überrascht wird. Ein Verweis auf Douglas Sirks Witwen-Melodram »Was der Himmel erlaubt« - das ebenfalls in satten Farben von den perfiden Repressionen einer Wohlstandsgesellschaft erzählte.
Szene aus »Ku'damm« mit neuem Fernsehgerät: Was der Himmel erlaubt
Foto: Boris Laewen / ZDFHeadautor ist nach »Ku'damm«-Erfinderin Annette Hess inzwischen Marc Terjung, der mit »Der Sommer nach dem Abitur« unlängst ein schönes Roadmovie mit Ska-Musik für das ZDF geschrieben hat. In dem historischen Dreiteiler versammelt er treffsicher die echten und die heimlichen Hits der frühen Sechziger, von Henri Mancinis »Moon River« bis Nat King Cole »That Sunday, That Summer«, und bindet sie als Narrativ in die Handlung ein.
Im November soll »Ku'damm« auch als Musical auf die Theaterbühne kommen; hinter dem Projekt steht die Produktionsfirma Ufa, von der die TV-Saga entwickelt wurde, sowie die mächtige Content Alliance der Ufa-Mutter Bertelsmann. Ob die oft abrupten Plot-Twists des Originals in die Themen Homophobie und Depression, Holocaust-Leugnung und Wiederbewaffnung beim Sing- und Tanzspiel funktionieren, bleibt abzuwarten.
Bei einigen Szenen der neuen »Ku'damm«-Staffel glaubt man zu erkennen, dass Musical-Versionen schon mitgedacht sind, etwa bei der ekstatischen Verausgabung von Mutter Schöllack zu »Twist & Shout«. Aber da soll uns die Verwertungskette recht sein: Ein solch anmutiges Selbstzerlegungs-Ballett haben wir im ZDF noch nicht gesehen.
»Ku'damm 63«, ab jetzt in der ZDF-Mediathek, ab Sonntag, 20.15 Uhr, im linearen ZDF-Programm
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